Rezension zu “Gibs auf” von Franz Kafka
Apr 2nd, 2008 by Kristina
Magischer Realismus oder doch nur nüchterner Pessimismus?
Wie stellst du dir das Dasein des modernen Menschen im 20. Jahrhundert vor? Glücklich, durch die neuen hilfreichen Erfindungen? Intelligent, durch das neuerlangte umfangreiche Wissen? Zufrieden und ausgeglichen? Nicht übel wie schön das Leben doch sein kann.
Doch Franz Kafka (1883-1924) sieht die Lebenssituation des Menschen zu dieser Zeit etwas anders, was sage ich, er sieht sie komplett anders. Gegensätzlicher kann man sie gar nicht sehen.
In Erzählungen wie in “Die Verwandlung”, “Das Urteil” und zum Beispiel auch in “Ein Landarzt” erzählt Kafka von den dunklen Seiten des modernen Lebens. Er spricht von Verlorenheit, von Ängsten, von Sehnsüchten und von der Orientierungslosigkeit.
Ja, die Orientierungslosigkeit. Wer kennt die Situation nicht: man steht früh am Morgen auf und hat einen wichtigen Termin. Plötzlich merkt man, dass man viel später dran ist, als man eigentlich gedacht hätte. Vor einer Sekunde kannte man den Weg noch. Doch blitzschnell ist alles weg. Der genaue Plan ist geplatzt wie eine große Seifenblase, die gegen einen rostigen Nagel geflogen ist. Und nun?
Gott sei Dank, ein Polizist, der Retter in der Not. Man fragt ihn nach dem Weg. “«
Genau von diesem Problem handelt die Erzählung “Gibs auf!” von Kafka, die 1991 erschienen ist.
Im Großen und Ganzen kann gesagt werden, dass sein Werk sprachlich relativ leicht zu verstehen ist. Die akademische Sprache wird durch ein umgangssprachliches Deutsch ersetzt.
Die nüchterne Darstellung des Ich-Erzählers wird höchstens durch eine Anapher und einen Vergleich zum Schluss etwas aufgelockert.
Woher kommt diese pessimistische Weltansicht? Vielleicht kommt sie daher, dass Kafka sein Leben lang mit Krankheiten zu kämpfen hatte und deswegen wollte er dem Rest der Menschheit ebenfalls das Leben vermiesen. Oder er schrieb diese Erzählungen in den Zeiten, wo er von Depressionen gequält wurde und dies nur zum Frustabbau benötigte. Denn schließlich wurden seine Werke gegen seinen Willen veröffentlicht.
Eines ist jedoch klar: Kafka war davon überzeugt, dass es nur Bücher geben sollte, die auf uns wirken wie ein Unglück oder gar wie ein Selbstmord. Bücher, die einen glücklich machen, könne man selbst schreiben.
Das ist hart. Hart, aber notwendig?
Kafka ist zumindest nicht der Einzige, der diese Meinung vertritt. Anz und Brecht glauben ebenfalls, sie müssten solange über Missstände schreiben bis sie überwunden werden. Literatur sei keine Ersatzbefriedigung für soziale Mangelzustände und dürfe nicht gesellschaftliche Konflikte harmonisieren.
Dem stimme ich voll und ganz zu. Wir leben schließlich nicht im Dritten Reich!
Doch Literatur dürfe auch nicht perspektivlos bleiben, wenn es um die Darstellung des Leidens geht.
Wo sind denn nun die Vorschläge zur Verbesserung der Situation? Soll man weitergehen und den Polizisten im Nachhinein anzeigen oder ihm gleich seine Meinung an den Kopf werfen? Was soll man tun?
Realismus schön und gut, aber wenn man die Menschen schon in ein tiefes, dunkles und depressives Loch ziehen möchte, dann sollte man doch zumindest einen Plan haben, wie man diese Missstände überwältigen kann. Oder hat die Orientierungslosigkeit Kafka überfallen?


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